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Wie objektiv ist Wikipedia?


1. Anspruch und Wirklichkeit

„Wikipedia, die freie Enzyklopedie“, beruht auf dem Grundgedanken, dass jeder sein Wissen ins Netz stellen und vorhandene Einträge frei ergänzen oder verändern können soll, so dass am Ende eine ausgewogene Information herauskommt. Dies funktioniert recht gut auf neutralen Gebieten wie Musik, Medizin oder Geografie. Soweit ein Stichwort aber die Sphäre der Politik berührt, ist es oft vorbei mit der Objektivität. Gewisse Ideologen haben Wikipedia offenbar als Spielwiese entdeckt, wo man nahestehende Personen und Institutionen hochheben und Andersdenkende heruntermachen kann. Der Betroffene kann schiefe Informationen zwar wieder zurechtrücken, aber häufig ist diese Korrektur nach ein, zwei Tagen wieder gelöscht. Wer nämlich mehr Mitstreiter hat, mehr Freizeit und mehr Aggressionspotenzial, drückt letztlich die Formulierungen durch, die er haben möchte. Im Extremfall können sogenannte Administratoren, d. h. bewährte langjährige Wikipedia-Nutzer schlichtend eingreifen. Doch, was ist, wenn Gesinnungsgenossen selbst zu Administratoren aufgestiegen sind? – Und so kommt es, dass z. B. international angesehene Wissenschaftler wie der Historiker, Jurist, langjährige Sekretär der UN-Menschenrechtskommission und Experte für ethnische Säuberungen, Prof. Alfred de Zayas, mit kritischen Anmerkungen bedacht wird, während der linke "Antifaschist" Anton Maegerle alias Gernot Modery untadelig in strahlendem Licht erscheint.

Bei der deutschen Wikipedia fällt die politische Einseitigkeit besonders auf. Vor allem Linke und Linksradikale haben den Vorteil der "freien Enzyklopädie" früh erkannt: Erstens kann man hier anonym agitieren und muß seine ideologische Herkunft, z.B. Medien aus dem Umfeld der Linkspartei nicht aufdecken, zweitens ist man nicht - wie bei Printmedien - juristisch zu fassen (die Wikipedia-Zentrale hat ihren Sitz in San Francisco und ist angesichts skurriler US-Gesetze kaum zu belangen), und drittens schließt die Mehrzahl der Nutzer aus dem Wort Enzyklopädie vorschnell auf Objektivität.

2. In eigener Sache

In meinem eigenem Fall wurde z.B. der Hinweis auf die Millionenauflage meiner Bücher gelöscht. Bei Anton Maegerleaber ist sehr wohl erwähnt, er habe ein Privatarchiv mit 550.000 Einträgen. Gelöscht wurde auch der Hinweis auf das umfangreiche positive Medienecho meiner zeitgeschichtlichen Bücher in führenden Tageszeitungen, im Rundfunk und in der Literatur, das z.T. von hochrangigen Osteuropa-Experten wie Prof. Gotthold Rhode stammt (von 14 zustimmenden Rezensionen wurden 13 getilgt). Gebracht wurden dagegen drei abfällige Kommentare mit z.T. rabulistischer Tendenz:

Wikipedia berichtet z.B. von einer Kritik des Historikers Martin Broszat vom Münchener Institut für Zeitgeschichte an meiner Person, verschweigt aber, daß Broszat wegen ebendieser "polemischen und wissenschaftlich zweifelhaften" Kritik von der Rechtsaufsicht des Instituts, der Bayerischen Staatsregierung, getadelt wurde, vgl. nachstehende Kopie.

Der Kritiker Ingo Haar weiß nicht einmal, dass blutige ethnische Säuberungen nach nationalem wie internationalem Recht (Völkerstrafgesetzbuch bzw. UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes) als Genozid klassifiziert werden, und dass beim Bundesgerichtshof und beim Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag schon mehrere Urteile in diesem Sinn ergangen sind. Er bemüht sich auch, die Zahl der Vertreibungsopfer dadurch herabzusetzen, dass er - entgegen allgemeiner Praxis - nur die Fälle direkter Tötung anerkennt, nicht aber die Todesfälle durch Hunger, Seuche, Überarbeitung, Misshandlung etc.

Die Autoren Eva und Hans Henning Hahn schließlich ersetzen nachprüfbare Beweise durch Beschimpfungen wie "Nahtstelle zum rechtsradikalen Milieu" oder "Rehabilitierung des Nationalsozialismus" (in Wirklichkeit behandeln meine historischen Schriften nicht die Nazi-, sondern die Nachkriegszeit) und unterstellen mir freundlicherweise, eine "weiter reichende Revision des gesamten öffentlichen Lebens in Deutschland, einschließlich der deutschen Außenpolitik" anzustreben. Donnerwetter!

Am meisten scheint diese Kritiker zu wurmen, daß ich ausdrücklich darauf hinweise, daß in der immer wieder genannten Einwohnerzahl der Vertreibungsgebiete (16,5 Millionen) die Rußlanddeutschen und die zugezogenen Westdeutschen (Luftkriegsevakuierte, ausgelagerte Betriebe, Verwaltungspersonal etc.) nicht enthalten sind, vgl. Statistisches Bundesamt: Die deutschen Vertreibungsverluste, S.5 und 13. Auch das Leben dieser Menschen war durch Flucht, Vertreibung bzw. Verschleppung genauso gefährdet wie das der einheimischen Ostdeutschen; ihre Verluste sind Vertreibungsverluste.

Allerdings sollte man sich stets vor Augen halten, daß Bevölkerungsstatistiken immer nur Annäherungswerte darstellen, die vielleicht einmal korrigiert werden müssen. So haben z.B. die Jugoslawiendeutschen ermittelt, daß die Zahl ihrer Vertreibungstoten nur etwa halb so hoch war wie ursprünglich geschätzt. Und in Auschwitz mußte der Direktor des Staatlichen Museums, Dr. Franciszek Piper, 1990 die weit überhöhten Opferzahlen von den verschiedenen Gedenksteinen in 19 Sprachen entfernen lassen. Auch "meine" Zahlen sind natürlich kein Dogma und jederzeit zu korrigieren ... wenn stichhaltiges Material vorgelegt wird.

3. Noch ein paar Details

Darüber hinaus verbreitet Wikipedia eine Reihe von Falschmeldungen. Hier nur einige exemplarische Fälle:

  • Ich hätte in dem (rechtslastigen) Journal of Historical Review veröffentlicht. Unwahr! Das wurde schon einmal behauptet und korrigiert und taucht jetzt nach ca. zwei Jahren wieder auf.
  • Ich hätte bei Lesertreffen des rechten Verlegers Munier in Pommersfelden referiert. Wieder eine Wandersage. Gastgeber meines Vortrags in Pommersfelden war der Schulverein zur Förderung der Rußlanddeutschen.
  • Ich sei Mitglied im (sudetendeutschen) Witiko-Bund. Bin ich nicht.
  • Ich hätte einen Vortrag für den "Verein Gedenkstätte" (zur Erinnerung an die zivilen Kriegs- und Nachkriegsopfer in Deutschland) gehalten. Wieder falsch. Die Einladung stammte von der Schlesischen Jugend, die aus mir nicht bekannten Gründen das Vereinsgebäude als Veranstaltungsort gewählt hatte.


Ich habe lange gezögert, meine Homepage mit solchem Klein-Klein zu belasten; nachdem mir aber sogar unter "Wikipedia-Diskussionen" die meisten Korrekturen gelöscht wurden, muß ich es wohl doch tun.

4. Fazit

Alles in allem erinnert meine Wikipedia-Seite nicht an eine seriöse Enzyklopädie, sondern eher an eine Materialsammlung, wie man sie früher über Bürgerrechtler und andere Dissidenten in der DDR anzulegen pflegte.

24 deutsche und schweizerische Publizisten haben 2012 einen kritischen offenen Brief an Wikipedia - Mitgründer Jimmy Wales veröffentlicht. Darin heißt es u.a. “Die deutsche Wikipedia ist eine Quelle für ideologisch verbrämte Fehlinformation.” Und der amerikanische Internet-Pionier Jaron Lanier spricht von einer "Wiki-Lynchjustiz", denn "bei Wikipedia bestimmen meist jene die Wahrheit, die am besessensten sind."


Ein interessanter Artikel zu diesem Thema ist im Focus 48/2012 erschienen:

Link Zum Artikel auf www.focus.de
Heinz Nawratil


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